Eine Weihnachtsgeschichte

von sku (Kommentare: 0)

Vom vorweihnachtlichen Verstoß zweier Bundeswehrsoldaten gegen das 7. Gebot

Es war Anfang der achtziger Jahre in der Adventszeit. Der seinerzeit als Jahrhundertschneekatastrophe in Norddeutschland bezeichnete Winter war schon früh in Schleswig-Holstein hereingebrochen, bedeckte weite Teile des Landes mit einer sehr dicken Schneedecke und vielen hohen Schneeverwehungen, legte den allgemeinen Straßen- und Schienenverkehr weitgehend lahm und veranlasste die Behörden zur Durchführung von Katastrophenschutzmaßnahmen, auch unter teilweiser Einbeziehung der Bundeswehr. Die technische Instandsetzungskompanie, in der ich seinerzeit meinen Wehrdienst ableistete, bekam sehr schnell Schneepflüge für LKW, die verschiedensten technischen Geräte für Reparaturleistungen und wurde somit als Spezialeinheit ein Teil der behördlichen Hilfsorganisation.

Alsbald erfolgte der Befehl, dass meine Einheit über die Weihnachts- und Neujahrsfeiertage Katastrophenschutzbereitschaft leisten musste, was eine dienstliche Anwesenheit vieler Soldaten ab dem ersten Weihnachtsfeiertag, mittags 12.00 Uhr bedingte.


So geschah es, dass ich Anfang der dritten Adventswoche am Ende des Morgenappells vom Kompaniefeldwebel – auch „Spieß“ genannt - für eine Sonderaufgabe in das Geschäftszimmer befohlen wurde. Gewissenhaft und erwartungsvoll meldete ich mich im Geschäftszimmer. „Steh’n Sie bequem“, sagte der Hauptfeldwebel mit freundlicher Miene. „Sie wissen ja, dass wir hier über die Weihnachts- und Neujahrsfeiertage Katastrophenschutzbereitschaft haben und auch schon jetzt viel Hilfe beim Schneechaos leisten müssen. Gehen Sie mal zum Rechnungsführer, lassen Sie sich Geld aus der Kompaniekasse geben und dann fahren Sie mit der Fahrbereitschaft nach Neumünster und kaufen einen ordentlichen Weihnachtsbaum. Zum Aufstellen im Kompaniegebäude können Sie sich jemanden zur Hilfe holen. Wir wollen es hier zur Weihnachtszeit wenigstens gemütlich haben. Schaffen Sie das?“ - „Jawohl, Herr Hauptfeldwebel“.- „Gut, wegtreten und ausführen.“


Weisungsgemäß meldete ich mich beim Rechnungsführer. „Geld aus der Kompaniekasse?“, entfuhr es erstaunt dem Feldwebel. „ Hat der Spieß vergessen, dass auch wir hier absolut knapp bei Kasse sind? Wir haben jetzt schon chronische Geldknappheit, der Etat für die Bundeswehr ist ohnehin unterfinanziert und jetzt soll ich hier noch Geld für einen Weihnachtsbaum locker machen? Können Sie den denn nicht irgendwie anders besorgen?“ „Wie denn sonst besorgen? Sollen wir hier etwa Weihnachten ohne Christbaum verleben?“, erwiderte ich etwas verwirrt. „Gehen Sie mal zu Feldwebel Bertram, grüßen Sie ihn von mir, tragen Sie ihm das vor, der wird es bestimmt verstehen, Ihnen Unterstützung zu leisten. - Wegtreten !“


Angespannt machte ich nunmehr Meldung bei Feldwebel Bertram in dieser weihnachtlichen Beschaffungsangelegenheit und trug ihm die Weisung des Rechnungsführers vor. „Einen Weihnachtsbaum auf andere Weise besorgen?“, fragte er mich etwas überrascht. „Na, nun überlegen Sie doch mal!“ Das Gesicht von Bertram verzog sich zu einem ironischen Grinsen. „Organisieren, Herr Gefreiter, organisieren“, amüsierte sich Bertram über mich.


Feldwebel Bertram kam offenbar immer an alles ’ran, hatte auch in schwierigen BW-Zeiten überall seine „Beziehungen“ und winkte im Nu mit einem Fahrbefehl für eine Reparatur-Probefahrt für einen absolut heilen Bundeswehr-LKW mit Planverdeck auf dem benachbarten Truppenübungsgelände. Langsam und beschwerlich bahnte sich der LKW seinen Weg durch den tiefen Schnee. Mit einem etwas mulmigen Gefühl ging mir das „Organisieren“ durch den Kopf. „Du sollst nicht stehlen“ – das 7. Gebot – „Du sollst nicht organisieren“, dachte ich und ausgerechnet so ein Vorsatz für die Beschaffung eines christlichen Weihnachtsbaumes? Ich malte mir die Folgen aus, wenn uns hier einer vom Forstamt oder der Bundeswehr-Standortverwaltung erwischen würde. Und das vor Weihnachten.
„Schauen Sie mal, die vielen kleineren Tannen dort drüben, die sehen doch gut aus“, meinte Feldwebel Bertram nach einer Weile. „Ja, Herr Feldwebel, die sehen sehr gut aus. Aber das sind alles Edeltannen.“ Wir stiegen beide aus dem LKW. „Na bestens, die halten ja etwas länger“, stellte Bertram zufrieden fest. „Nun sehen Sie mal zu, dass Sie da durch den Schnee kommen, ich halte hier Wache. Und dann sägen Sie mal einen schönen Baum aus der zweiten Reihe ab, das macht nichts und das sieht dann auch keiner. Wenn ich jemanden kommen sehe gebe ich Ihnen ein Zeichen, dann lassen Sie schnell die Säge im Schnee verschwinden und kommen her oder verdrücken sich kurz“, grinste Bertram mich an. Ich stapfte durch den tiefen Schnee, versank auf dem Weg zu den Tannenbäumen erst einmal in einer zugeschneiten Mulde unter schadenfrohem Gelächter meines Begleiters und konnte schließlich eine gut zweieinhalb Meter hohe gut gewachsene Edeltanne absägen.


Bertram wuchtete mit mir die Tanne auf die Ladefläche. „Wie sieht es denn mit einem Adventskranz aus?“, fragte Bertram. „Bis Weihnachten ist es doch noch etwas Zeit.


Können Sie einen Adventskranz binden?“. „Klar, kann ich das“, antwortete ich. „Gut, dann sägen Sie mal Tanne dort hinten ab für den Adventskranz. Und dann nehmen Sie noch einen Weihnachtsbaum für das Offiziersheim mit, die Herren Offiziere wollen sicher auch gern einen haben. Und den kleinen Baum dort nehmen wir auch noch mit für das Wachgebäude am Haupttor!“ Ich sägte zügig drauflos, um den Ort des Geschehens möglichst schnell wieder verlassen zu können. Nach drei Stunden waren wir wieder in der Kaserne vor dem Kompaniegebäude.


Mit der größten Edeltanne in der linken Hand klopfte ich an die Tür des Geschäftszimmers im Kompaniegebäude und machte dem Spieß Meldung über die erfolgreiche Beschaffung des Weihnachtsbaumes. „Klasse, Herr Gefreiter, aber für diesen schönen Weihnachtsbaum haben Sie doch sicher viel Geld bezahlt?“, fragte mich der Hauptfeldwebel mit froher Mine. „Nein, eigentlich nicht“, entgegnete ich verlegen. „Na wo haben Sie den denn her?“, bohrte der Spieß nach. „Den habe ich organisiert – mit Feldwebel Bertram. Auf dem Truppenübungsplatz in der Tannenschonung hat der Weihnachtsbaum nichts gekostet“. Der Spieß bekam einen etwas entsetzten Gesichtsausdruck. „Hat Sie denn auch niemand dabei beobachtet?“, fragte der Spieß vorsichtig nach und er wusste nach seinem Minenspiel zu urteilen nicht, ob er nun lachen oder weinen sollte. „Nein, natürlich nicht. Keine Sorge. Und übrigens, draußen auf dem LKW unter der Plane liegen noch vier weitere Weihnachtsbäume.“ „Herr Gefreiter, bitte treten Sie jetzt hier mit dem Weihnachtsbaum weg“, sagte der Spieß mit leiser Stimme. „Was Sie mir da gerade erzählt haben, habe ich offiziell nicht gehört und sehen Sie zu, dass der LKW da draußen weg kommt.“


Mit Hilfe eines Stubenkameraden stellte ich den organisierten Weihnachtsbaum auf einen schnell gezimmerten Holzfuß im großen Aufenthaltsraum des Kompaniegebäudes auf.


Dank Feldwebel Bertrams Organisationstalents war ich vom Kompaniedienst vorläufig befreit, um in einer stillen Ecke einer Instandsetzungshalle unauffällig aus den Zweigen von zwei Edeltannen einen sehr großen dicken Adventskranz mit etwa eineinhalb Meter Durchmesser anzufertigen.


Am späten Nachmittag stand Bertram dann wieder vor mir und stellte vier dicke große rote Adventskerzen auf einen Tisch sowie dazu ein breites rotes Band. „Das ist für den Kranz“, meinte Bertram und zeigte sich erfreut über den überdimensional großen Adventskranz. Ich befestigte die vier großen Kerzen und teilte das breite rote Weihnachtsband vierfach dekorativ um den Kranz zur vorgesehenen Aufhängung.


„Leider haben wir einen organisierten Weihnachtsbaum über“, äußerte sich Feldwebel Bertram verlegen. „ Im Offiziersheim wollten sie den von mir nicht annehmen. Die Herren Offiziere wollen sich lieber selbst einen Christbaum kaufen“, meinte Bertram mit verständnisloser Mimik. „Wo bleiben wir denn nun mit diesem überzähligen Weihnachtsbaum unauffällig in der Kaserne ab, Herr Gefreiter?“, fragte er. „Können wir ihn bei uns auf die Stube im Kompaniegebäude stellen, wenn ihn keiner haben will?“, fragte ich spontan. „Ja, das geht in Ordnung. Solange die Stubenreinheit und Ordnung nicht darunter leidet ist das kein Problem. „Also seh’n Sie zu, dass Sie den Offiziers-Weihnachtsbaum dort ganz leise diskret verschwinden lassen“.
Gleich nach Dienstschluss wurde unter allgemeiner Freude und Aufsicht des UvD (Unteroffizier vom Dienst) der große Adventskranz in der Eingangshalle des Kompaniegebäudes mit dem breiten roten Band und den großen roten Adventskerzen aufgehängt und ließ nun diesen sonst etwas tristen Gebäudebereich in weihnachtlicher Atmosphäre mit warmem Kerzenlicht erscheinen. Und der ursprünglich für das Offiziersheim bestimmte Weihnachtsbaum wurde bei mir in der Stube für uns Grundwehrdienstleistende aufgestellt, schön ordentlich zwischen zwei Spinden auf einem Holzkreuz als Tannenbaumfuß.


Am nächsten Morgen kam Bertram wieder bei mir an. „Sorgen Sie doch bitte auch für die Christbaumdekoration, jetzt wo Sie auch schon den Adventskranz gebastelt haben“, forderte Bertram mich höflich auf. Aber die Weihnachtsdekoration musste erst einmal beschafft werden. Es waren ja zwei Weihnachtsbäume zu schmücken. Außer einer elektrischen Lichterkette für den Kompanieweihnachtsbaum war kaum etwas da, was als Christbaumschmuck einigermaßen herhalten konnte. So wurden viele Soldaten und Teile des Unteroffizierkorps, die in der näheren Region um die Kaserne wohnten, gebeten, ihre Familien zu hause um alten Christbaumschmuck oder sonstige Adventsdekoration zu bitten. Nach zwei bis drei Tagen kam nunmehr diverser Advents- und Christbaumschmuck zusammen. Für den Christbaum in unserer Stube gab es alte verbogene Halteklammern für Wachskerzen, die mit handwerklichem Geschick schnell wieder hergerichtet wurden. Was dann noch für beide Christbäume fehlte, wurde u.a. in den Werkstätten der Kaserne abgezweigt. So wurden z.B. große Unterlegscheiben für Panzerschrauben mit Gold- und Silbermetallicspray lackiert und mit Nähgarn am Christbaum aufgehängt. Irgendjemand brachte Goldfolie- Bastelbogen mit aus der wir zwei Tannenbaumspitzen anfertigten. So erstrahlte neben unserem Kompanieweihnachtsbaum schließlich auch auf unserer Soldaten-Stube ein originell geschmückter Weihnachtsbaum im Lichterglanz.

Für die Advents- und Weihnachtsbäckerei brauchten wir dann vielfach nicht mehr zu sorgen.
Diese erhielten wir oft von vielen dankbaren Menschen, die wir auf unseren Hilfseinsätzen aus zugeschneiten Bauernhöfen und Einfamilienhaussiedlungen sowie zahlreich auf Landstraßen frierend aus ihren im tiefen Schnee stecken gebliebenen Autos befreiten.


Die Schneeräumaktionen, die wir mit unseren schweren Bergepanzern, mit Schneepflug ausgerüsteten LKW sowie sehr oft auch nur mit Schaufeln für zugeschneite Autos ausführten, brachten uns viele Leckereien ein. Das waren neben Lebkuchen, Spekulatius, zahllosen Schokoladen-Weihnachtsmännern, Christstollen, Weihnachtskeksen natürlich auch diverse Flaschen Schnaps und Wein. Dass die Schneeräumaktionen witterungsbedingt teilweise in den sehr frühen Morgenstunden sowie bis spät abends oder nachts stattfanden, oft unter ohrenbetäubendem Lärm von LKW-und Panzermotoren, störte die Menschen nicht. Im Gegenteil, überall erwies die Bevölkerung der sonst seinerzeit kritisch betrachteten Bundeswehr aufgrund des Schneechaos nun eine auf uns etwas befremdlich wirkende sehr große Dankbarkeit.


Alle spontanen weihnachtlichen Gaben aus der Bevölkerung wurden beim UvD im Büro abgeliefert, sorgfältig verwahrt und für die Weihnachtstage zurückgelegt. Wein und Hochprozentiges gab es aber schon mal vorher in Maßen nach Dienstschluss - zum Aufwärmen.


So vergingen die Adventstage bis über Weihnachten mit regelmäßigen Weihnachtsfeiern, sowohl bei uns auf der Stube, als auch im weihnachtlichen Aufenthaltsraum im Kompaniegebäude.


Und sogar der sonst so gestrenge und akkurate „Spieß“ saß nach Dienstschluss ab und zu ein Weilchen gut gelaunt in gemütlicher Runde bei uns und nahm im vorweihnachtlichen Kerzenschein beim Anblick einfach geschmückten Christbäume ungewohnt freundliche familiäre Verhaltensweisen an.

 

Vielen Dank an dem Kameraden Guido Friederich für diese Boostedter Weihnachtsgeschichte! Das Team von panzerbigade18.de wünscht allen Kameraden eine friedliche und besinnliche Weihnachtszeit sowie einen guten Rutsch ins neue Jahr. Vielleicht findet sich ja auch die Zeit, einmal in alten Fotoalben zu schmökern, um neues Material für das Fotoalbum ausfindig zu machen.

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